„Das sieht aber schön aus! Wo ist das?“ So kommentieren langjährige Mitarbeiter Ratinger Unternehmen ein Foto unserer Innenstadt. Diese Reaktion verwundert und zeigt ein Problem unserer Stadt auf.
Natürlich ist Ratingen nicht Düsseldorf. Dass hier ein Apple-Store eröffnet, ist eher unwahrscheinlich. Aber das Angebot an Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungen ist klein(er), dafür fein. Und bei Sauberkeit und Sicherheit muss Ratingen den Vergleich mit umliegenden größeren Städten keineswegs scheuen. Die geplante Aufstockung des kommunalen Ordnungsdienstes wird Sicherheit und Ordnung und damit die Lebensqualität weiter verbessern. Gleiches gilt für die anstehenden Investitionen in Bildung und Betreuung. Vielleicht wird Ratingen eines Tages sogar Universitätsstadt. Alles Themen, auf die Einwohner sehr genau schauen.
Diese Vorteile kennen die oben erwähnten Arbeitnehmer aber nicht. Viele Einpendler erleben Ratingen ausschließlich als Arbeitsort, nicht als Lebensort. Genau hier liegt eine zentrale Aufgabe für Kommunalpolitik und Stadtmarketing. Es gilt, aus Einpendlern Einwohner zu machen. Oder perspektivisch aus Studierenden künftige Fachkräfte, die bleiben.
Und wer sich vorstellen kann, Ratingen auch jenseits des Arbeitsplatzes als Lebensmittelpunkt zu wählen, stößt schnell an Grenzen. Viele berichten von erheblichen Schwierigkeiten auf dem Wohnungs- oder Häusermarkt. Trotz intensiver Suche sind Miet- oder Kaufimmobilien oft schlicht nicht verfügbar.
Gleichzeitig hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren verändert. Sechs Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie heißt es in vielen Unternehmen: Back to Office. Manche setzen auf eine begrenzte Anzahl von Homeoffice-Tagen, andere auf Ein-Drittel-Modelle. In Dienstleistungs- und Produktionsbetrieben ist Homeoffice häufig gar keine Option. Viele Beschäftigte – gelegentlich auch Geschäftsführer – pendeln deshalb täglich 60 Kilometer oder mehr. Hier muss Ratingen neben seinen guten Arbeitsplätzen mehr Möglichkeiten bieten, sich niederzulassen.
Wenn in Konzernzentralen Standorte überprüft oder neu bewertet werden, spielen genau diese Faktoren eine Rolle: Wohnraumsituation, Attraktivität der Stadt, Nähe zum Flughafen, Gewerbesteuersatz. Dann wird gerechnet – nüchtern und langfristig. Das muss auch der Ratinger Politik bewusst sein. Denn wenn ein Standort einmal aufgegeben wird, ist das keine kurzfristige Entscheidung. Unternehmen kommen nicht einfach zurück. Mit ihnen gehen Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen verloren.
Ratingen kann viel! Doch solange das vor allem die Einheimischen wissen, bleibt wertvolles Potenzial ungenutzt.
Hakan Cetin
Geschäftsführer - Unternehmensverband Ratingen e.V.